Salute alter Schaluppenwetzer,

 

dein Brief ist noch nicht angekommen, ich hoffe Du bist gestern noch weiter gekommen, in Deinem Versuch Dir einen Brief aus dem Leib zu schneiden. Im Hintergrund erzählt Townes den Sanatoriumsblues, aufgenommen zwei Monate bevor er starb, und die Welt seiner tröstlichen Anwesenheit beraubte. Den Song kann man nicht anders hören, als mit Gänsehaut. Als ich heute bei Colin in der Arbeit vorbei geschaut habe, wurde ich natürlich auch gleich wieder fündig, die komplette Matthäuspassion von Bach auf drei CDs für lächerliche 9.99.-Dm. In nächster Zeit bekommst Du mal wieder ein oder zwei CDs zu geschickt, da ich auch noch einen Packen Rohlinge mitgenommen habe. Viel werde ich wohl heute nicht mehr machen, noch eine Runde pennen, ein paar Zeilen dann tippen, und wieder schlafen. Die Arbeit ist zur Zeit ein ziemlicher Schlauch, aber auch kein Wunder, lauter fette Kataloge für die Weihnachtsbestellungen, lauter Müll einer zu tiefst an der Seele kranken Gesellschaft. Irgendwo hinter mir sitzt noch immer etwas von Tom, unberührbar, nicht sichtbar, doch trotzdem ist da noch etwas, wie hat Trude Herr mal gesungen: „Niemals geht man so ganz !" , wenn auch nur ein Schlager, ganz ist es nicht falsch. Diamanten findet man ja auch im größten Dreck.

Bin gerade wieder erwacht, nach sechs Stunden, um 22.30. Irgendwann am Wochenende müsste ich mal dazu kommen, nach deinem Evil Dead zu suchen, mal schauen, was ich dann finde. Der San Gottard gibt nur Zug um Zug Details seines Mysteriums frei, keiner weiß was sich wirklich noch dort alles verbirgt, nur Hans Rudi Giger hat die Phantasie, um sich dort um zu sehen, um dem Verwirrenden Gestalt zu geben. Galileo hat mal wieder einige unsere Gewissheiten gründlich zerstört, woher kommen nun die Planeten, in diesem unseren System, nun da wir wissen, garantiert nicht von hier, welcher Elefant hat da nun wieder an der Uhr oder sonst was gedreht. Und warum schmerzt unser Hosenboden nicht mehr, nachdem wir nun schon so oft auf den selbigen gefallen sind ? Endlich ist der Schnee wieder da, er gibt dieser Welt ein schon sehr viel wärmeres Gesicht, verdeckt so manche Hässlichkeit, dazu passend läuft die dritte Symphonie von Charles Ives. Ich werde erst noch mal zwei Bier trinken, bevor ich wieder ins Bett gehen werde. Gestern diskutieren Jochen, ein ehemaliger Sozial- pädagoge, jetzt Cdverkäufer beim Müller, über Psychologen und Sozialpädagogen, wir hatten kein Problem damit, uns darauf zu einigen, das mindestens 85% dieser Leute eigentlich von diesen Berufen ausgeschlossen gehören, da Sie selbst mehr als nur dringest therapiebedürftig sind, fast überall gibt es Eignungsprüfungen, nur hier darf jeder dahergelaufene Soziopath im Kopf von hilfebedürftigen Menschen herumpfuschen. Ein weiteres Mosaiksteinchen im Fresko des Alptraums, in dem zu Leben wir nun verdammt sind. Ein Universum voll von Hiwi-Messiassen, aber leider verdammt wenig Straßenkarten von diesem verfluchten Labyrinth.

Heute habe ich es endlich wieder geschafft Druckerpapier zu kaufen, nachdem ich es die letzten Tage immer wieder vergessen hatte. Zwei Packungen à 500 Blatt, mein Drucker kann sich auf eine Menge Arbeit freuen, die kompletten Texte von Leonard Cohen und zweimal Townes vanZandt, einmal für mich und einmal für Jochen. Nächste Woche wird wohl eine neue Druckerpatrone fällig, nur zur Sicherheit, die jetzige dürfte zwar für gut 1000 Seiten reichen, aber sicher ist sicher, besonders da es ja allein bei den Lyrics sich um mehr als 500 Seiten handelt. Es gibt viel zu tun, noch habe ich 10 Tage den günstigen Internettarif von -.99 Dm pro Stunde, der leider nicht verlängert wird, und den muß ich nutzen, um lästige Sucharbeiten zu erledigen. Was hälst Du von der neuen Schriftart, sieht doch einfach nur noch edel aus, oder? Colin hat mir ein paar neue Fonts (Schriftarten) besorgt, dieser nennt sich Majestic, ein recht passender Name. 23.30, noch eine Stunde bevor ich wieder Augenmassage betreiben werde, um dem Streß morgen gewachsen zu sein. Ich hätte es nie gedacht, aber seit ich den Computer wieder habe, fängt meine alte Sigma an zu verstauben, ich glaube ich habe seit vier Monaten keine zehn Gedichte mehr auf ihr getippt, so kann man sich täuschen. ich überlege schon Sie ins Schlafzimmer zu stellen, was eigentlich keine schlechte Idee wäre, da ich ja Texte jetzt mit dem Scanner sehr schnell auf den Rechner holen kann. Ich habe schon fest gestellt, auf Telefon könnte ich verzichten, auf Email nicht, es ist einfach ein absolut geiles, und dies meine ich wortwörtlich, Kommunikationsmedium, nicht wie diese Handys, welche mit Kommunikation, sprich anderen Menschen Gedanken mit zu teilen, kaum etwas zu tun haben. Rein geographische Angaben zähle ich noch nicht unter Kommunikation, Schweine grunzen auch, um den anderen verstehen zu geben, hier suhle ich mich. Was den Computer angeht, so ist mir noch etwas aufgefallen, die alten Rechtschreibprogramme waren ja noch recht primitiv, doch die Neuen sind echt gut, und ich kriege auch mit wie sich meine eigene Rechtschreibung durch Sie gewaltig gebessert hat, selbst Tippfehler passieren mir immer seltener. Am Anfang hatte ich immer noch eine ganze menge zu korrigieren, aber jetzt passiert es immer öfters, das das Programm sagt. Keine weiteren Rechtschreibfehler mehr im Dokument. Das hat sich als recht gute Erfindung in der Praxis erwiesen. Ein Computer wäre auch etwas für Dich, glaube es mir, er ist gemacht für Leute wie wir.

Läuft eigentlich noch der CDplayer, den ich Dir „geliehen" habe, oder macht er schon zu viele Fehler ? Erzähl auch mal, welche Bücher, Du so in der letzten Zeit Dir rein gezogen hast! Würde mich mal interessieren.

Wochenende, endlich, es ist jetzt 23:03, Samstag Abend, der Drucker haut gerade die Texte von Townes vanZandt raus, 132 Seiten feinster Stoff. Manchmal können die Tage auch recht schön sein, sprich es wartet eine Belohnung nach einem harten Tag, auf einen zu Hause. In meinem Falle hat der Kollege mir ein Päckchen von Amazon vor die Tür gelegt, da drin war das neueste Buch von Charles Bukowski, jetzt schon das Fünfte, welches posthum veröffentlicht wurde. What matters most, is how well you walk through the fire. So, der Drucker ist endlich fertig, jetzt muß ich mir noch einen schönen Ordner dafür besorgen, das sollte mir der alte Townes schon wert sein. Aber erst werde ich mir mal ein Bier holen, und schauen was denn heute für diesen Abend, die passende Music ist. Versuche ich es mal mit Karlskrone, immer eine gute Wahl, und Burdon, dürften sich gut vertragen, im Sandkasten meiner Existenz. Das erste Bier schmeckt immer besonders gut, leider hält es auch am kürzesten ! Also bleibt mir nur der Weg, b.z.w. der Trampelpfad zu meinem Kühlschrank. Die Kerzen brennen und sterben wieder, ein normaler Abend bei mir. Aber hier noch ein Kommentar von Townes:

 

Gone too long

 

by Townes Van Zandt

 

I been gone too long

too long gone, too long

I been travelin hard

I just can't get back home

it's hard to believe I done all that much wrong

 

I wanna find me a seven

sevens ain't so bad

seven's about the best friend

this poor boy ever had

you get you a seven

one and six don't seem so sad

 

I ain't bein' alone

bein' alone too long

I'm sick of singin' this same ol' lonesome song

I'm gonna find me a seven and darlin'

I'm comin' home

 

It's lonesome down along this ol' highway

Darlin' I ain't stayin' here

I don't intend to stay

you may not want me I'm comin' home anyway

 

When the sun comes creepin'

over the mountain side

I at least lay down and tell myself I tried

I ain't like somebody gonna sit

in no ditch and cry

 

I been gone too long

too long gone, too long

Travelin' hard I just can't get back home

it's hard to believe I done all that much wrong

 

Too long gone

too long gone, too long

Travelin' hard, I just can't get back home

It's hard to believe I done all that much wrong

It's hard to believe I done all that much wrong

 

Es ist wirklich schwer zu glauben, aber es läßt sich auch nichts mehr ändern, und nun ist es an der Zeit den Preis zu zahlen, hier kann man keine Rechnung verschleppen, es gilt. Nur Bares ist wahres ! Alter, Du musst Dir diesen Dahlgren von Delany besorgen, versuch es in der Thalkichnerstr. 12 und 14, dort müsstest Du es für fünf bis zehn Mark kriegen, es würde Dir die Schuhe ausziehen, glaub mir, dieses Buch kennt keine Gnade. Bastei-Lübbe hat mehre Auflagen davon herausgebracht, immer nur kleine, aber soweit ich weiß, doch mehr als acht. Für die meisten, heute lebenden Menschen ist es einfach viel zu heftig und ehrlich. Der Kerl schreibt so, wie Du es gerne würdest. Einsame Spitze ! Amerikas Antwort auf James Joyce.

Wo auch, wann auch die Gesänge enden werden, eines Tages werde ich mit den Toten spielen ,und Sie werden mich nicht wieder zurück schicken. Dann werde ich bleiben dürfen, dort wo ich dann hin gehöre. Heimat, endlich wird sich dann das Wort mit Sein erfüllen. Sphärischer Atem wird die noch toten Segel füllen, der Kurs führt Richtung Ewigkeit. Und der Blues wird unser Kompass sein, uns sicher führen vorbei an den Klippen an denen Männer sich zerfetzten. Burdon singt davon, das er in die Tochter des Teufels verliebt ist, jede Frau ist eine Tochter des Demiurgen, vielleicht ist er unser aller Vater, wundern würde es mich nicht.

Noch ein halbes Bier,

ein letzter Salut an die Nacht,

und all jene,

die Sie schon gefressen hat.

Es wäre schon zu wissen,

das es dort draußen einen Gott gibt,

doch leider haben wir ihn schon getötet.

 

Türme von Liedern,

an den Wänden,

in den Köpfen,

ein letztes Ciao,

an die Kathedrale,

wo unsere Träume begraben liegen,

und der letzte Quell der Hoffnung entspringt.

Nur der Blick in die Leere bleibt,

was haben wir verbrochen,

das wir mit der Erkenntnis verdammt wurden ?

 

Wir müssen alle den Preis zahlen, manche zahlen ihn mit ihrer Dummheit. Im Speicher sind jetzt schon 76 Seiten Briefe an Dich, und das seit dem 18.7.99, da dürfte sich einiges an Papier bei Dir angesammelt haben, außer Du es schon im Mülleimer entsorgt, was auch keinen Unterschied machen würde, letzten Endes kommt nichts und niemand daran vorbei. Jedes Mal wenn ich einen Brikett in meinem Ofen werfe, denke ich daran, dies ist übrig geblieben von tausenden Leben, und wenn der Aschebehälter voll ist, nehme ich ihn, werfe die Asche in eine Tüte von Aldi, die haben die richtige Größe, und entsorge die Asche des Lebens im Müllcontainer. Das mein Junge ist der wahre Lauf des Lebens. Irgendwann wird irgendein Feuer von uns genährt, dafür könnten wir noch gut genug sein, aber zu viel mehr nicht ! Immer wenn Du Asche siehst, denk an meinen Worte, das ist das Ziel des Lebens.

In den Feuern brennen,

das wäre zumindest mal wieder etwas,

nicht nur das schale Wegsehen,

jene Lethargie,

die der Alltag Einem aufzwingt,

um dem Denken zu entgehen.

Ja gegen ein kleines Feuer,

hätte ich nichts einzuwenden,

doch leider erzähl ich mir selbst die glaubwürdigsten Lügen.

um es nicht zu machen.

Für heute Abend ist es genug.

 

Hail Kalisti

 

Cheers

 

Der Kurienkardinal

 

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